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Die Umkehr der Beweislast

Nachdem wir uns die beiden möglichen Richtungen bei der Herangehensweise an die Beweislast angesehen haben möchte ich mich ein wenig eingehender mit der umgekehrten Beweislast beschäftigen – das vermeintliche Argument, man müsse an Gott glauben, da man nicht beweisen könne, dass es ihn nicht gibt, wird einfach zu häufig verwendet.

Dass dieser Ansatz eher unpraktisch bei der Erkenntnisgewinnung über die Realität ist haben wir bereits am Montag gesehen. Die Existenz von absolut allem, das man sich vorstellen kann, könnte erst einmal beliebig behauptet und müsste widerlegt werden – das andere Extrem gegenüber Descartes‘ “Cogito ergo sum”, das er in seinen Meditationes de prima philosophia als einziges nicht anzweifelbares Fundament der eigenen Erkenntnisfähigkeit hat stehen lassen, die eigene Existenz, die im Gegensatz zu allem anderen als gesichert betrachtet werden kann.

Die Idee, als “Erfinder” einer Sache, und in diesem Fall sehe ich zum Zwecke des Gedankenexperiment einfach mal den gläubigen Menschen (als personifizierte Masse der gläubigen Menschen zusammengefasst) als den Erfinder Gottes an. Er tritt mit der Idee und Behauptung auf, die es vor ihm noch nicht gab, und (ebenfalls zum Zwecke des Gedankenexperimentes) beugen wir uns seinem Anspruch, als Nichtgläubige läge es bei uns, die potentielle Unzutreffendheit seiner Idee und Behauptung nachzuweisen.

Es fällt auf, dass der hypothetische Gläubige eine gute Position gewählt hat – seine Behauptung kann nicht widerlegt werden, solange nicht alles, das existiert, betrachtet und überprüft werden kann, und das klingt nach dem augenblicklichen Stand der Dinge nach einem Ding der Unmöglichkeit. Als Analogie aus dem Bereich der Computersicherheit kennen sicherlich einige das Phänomen, dass man den positiven Nachweis, dass ein Virus auf dem System vorhanden ist, mit Sicherheit erbringen kann, sobald man ihn eben erst einmal gefunden hat. Den negativen Nachweis, dass das betrachtete System frei von jeglicher Schadsoftware ist, kann man nur extrem schwer bis hin zu nicht erbringen, und bei einem Computersystem handelt es sich im Vergleich zum Universum um ein doch sehr kleines, überschaubares und vor allen Dingen abgeschlossenes System.

Was wäre dementsprechend eine brauchbare Art und Weise, mit der Forderung nach einer unmöglichen Beweisführung umzugehen? Eventuell hilft hier anstelle einer Beweisführung gegen Gott eine Beweisführung für Dinge, die einen Gott logisch ausschliessen. Potentiell schon ein brauchbarer Ansatz – das Konzept des “God of the gaps”, des “Gottes der Lücken” (der Philosoph Peter Janich übersetzt es im Titel einer seiner Schriften auch sehr schön als “Lückenbüßergottheit”), das ich schon einmal im allerersten Artikel in diesem Blog angesprochen hatte, sorgt dafür, dass Gott durch den Verbleib immer weniger Lücken in der Erkenntnis der Menschen von der Realität auch immer weniger Platz für seinen eigenen Verbleib hat, aber was vermögen Argumente schon gegen Leidenschaft, und von letzterer hat der gläubige Mensch eine ganze Menge.

Man könnte sich (leider) ewig im Kreis drehen mit dem Versuch, etwas bisher nicht bewiesenes zu widerlegen. Nicht zu Unrecht hat die Wissenschaft im Gegenzug zu diesem Ansatz mit ihrer Methodik und ihrer Erkenntnistheorie eine sehr umfangreiche und vor allem sehr deutliche Erfolgsgeschichte. Daher möchte ich ein wenig verfrüht mit einer Liste von Links schliessen, die zum Thema sehr lesenswert und vor allem umfangreicher sind, als ich es selbst hier schreiben könnte:

Weiter geht es dann am Freitag mit dem Argument von Gottes Unwiderlegbarkeit.

Wochenthema: “Die Last des Beweises”

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