Artikel Kommentare

Schwebendes Nudelungeheuer » Religion, Wochenthema » Das Konzept der Beweislast

Das Konzept der Beweislast

“Extraordinary claims require extraordinary evidence”. Aussergewöhnliche Behauptungen bedürfen aussergewöhnlicher Beweise – das ist ein Ausspruch, der von Astrophysiker Carl Sagan populär gemacht wurde und heute schon beinahe das Lebensmotto des Skeptikers darstellt. Diese Aussage gab es zuvor bereits in ähnlicher Form, Marcello Truzzi, ein Soziologe, der sich wissenschaftlich mit dem Paranormalen und Pseudowissenschaften auseinandersetzte, formulierte es als “An extraordinary claim requires extraordinary proof”, bei Pierre-Simon Laplace, Mathematiker, Physiker und Astronom, hiess es “The weight of evidence for an extraordinary claim must be proportioned to its strangeness”.

Diskussionen darüber, wer einen Beweis zu erbringen hat, gibt es gerade bei der Frage nach einem Gott (oder genausogut mehreren davon) schon lange. Auf Seiten von Gläubigen heisst es, Atheisten sollen erst einmal beweisen, dass es keinen Gott gäbe, während Atheisten und Skeptiker die Existenz von Göttern oder sonstigen übernatürlichen Phänomenen nicht akzeptieren wollen, solange die, von denen die Behauptung deren Existenz aufgestellt wurde, diese nicht auch nachvollziehbar und unwiderlegbar bewiesen haben. Ein guter Ansatz, das Ganze zu betrachten, ist vielleicht, die Auswirkungen beider Forderungen auf andere Fälle auszudehnen und die Auswirkungen zu betrachten.

Geht man vom Anspruch des Gläubigen aus, sollte also die Existenz eines Gottes akzeptiert werden – der Zweifler hat einen Beweis dafür zu finden, dass dieser Gott nicht existiert. Betrachten wir allerdings einmal die Gründe, die üblicherweise dazu führen, dass ein Gläubiger an einen Gott glaubt:

  • eine Authoritätsfigur (beispielsweise Priester oder Sektenführer) sagt, dass es Gott gibt
  • eine Überlieferung (beispielsweise die Bibel) sagt, dass es Gott gibt
  • eine persönliche (potentiell nicht überprüfbare Erfahrung bringt die Erkenntnis) dass es Gott gibt
Alle drei Gründe sind welche, mit denen man die Existenz von jedem beliebigen Umstand, Gegenstand oder Lebewesen deklarieren könnte. Akzeptiert man also das Konzept, nicht derjenige, der eine Behauptung aufstellt, habe für den Beweis zu sorgen sondern vielmehr derjenige, der die Behauptung anzweifelt, gäbe es nicht nur Atheisten. Es müsste für jegliche aus den Fingern gesaugte Behauptung beispielsweise Akoboldisten, Amonstervonlochnessisten, Avampiristen und Awerewolfisten geben, um nur wenige der quasi unendlichen Vielzahl an Dingen zu nennen, von denen man einfach mal behaupten könnte, dass es sie gibt. Eine Einstellung gegenüber der Welt, auf die hervorragend ein Zitat passt, das aller Wahrscheinlichkeit nach dem amerikanischen Physiker Richard Feynman zugeordnet werden kann:

Keep an open mind – but not so open that your brain falls out.

Grob übersetzt so viel wie “Bewahre dir einen offenen Geist – aber nicht so offen, dass dein Gehirn herausfällt” – ein Zitat, das mir jedes mal erneut einfällt, wenn ich von einem Esoteriker mal wieder vorgeworfen bekomme, mein Horizont wäre zu klein, weil ich nicht bereit bin, an Dinge zu glaube, für die es bisher keine Nachweise gibt.

Gehen wir nun von der Herangehensweise aus der anderen Richtung aus. Jemand stellt eine Behauptung auf und muss sie beweisen – Skeptiker (oder Atheisten im Falle der Behauptung der Existenz Gottes) geht nicht davon aus, dass diese Behauptung etwas mit der Realität zu tun hat solange der Beweis dafür nicht erbracht ist. Diese Herangehensweise an (erweitert gesagt) die Realität erscheint mir deutlich praktikabler als erstere. Realität ist demonstrierbar, Realität ist reproduzierbar, Realität ist belegbar und Realität ist messbar.

Was nichts daran ändert, dass Leute, denen es von Vorteil ist (und sei es nur, um ihnen selbst gegenüber ihre private Version der Realität aufrecht zu erhalten) den Ansatz der Last des Beweises beim Widerlegenden ansetzen – interessanterweise allerdings erstaunlich oft nur genau in den Fällen, in denen es wie erwähnt von Nutzen ist. Beispiel hierfür wäre der (klischeebeladene) Verschwörungstheoretiker, der einen Beweis für seine Theorie selbstverständlich sofort (und vermutlich mit grossen Freuden) akzeptieren würde – vor der Erbringung jeglichen Beweises für egal welche Seite der Medaille allerdings zum einen die Last des Beweises bei dem, der ihn widerlegen möchte einfordern wird, zum anderen jeglichen Beweis gegen seine Theorie und zugunsten des Widerlegenden aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls ignorieren wird. Eins der klassischen Anzeichen für eine irrationale Weltanschauung.

Mit eben dieser Umkehrung der Beweislast und ihren Strategien werde ich mich am Mittwoch im nächsten Teil des Wochenthemas auseinandersetzen.

Wochenthema: “Die Last des Beweises”

Veröffentlicht unter: Religion, Wochenthema · Etiketten: , , , , , ,

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>