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Das Argument Gottes Unwiderlegbarkeit

Beim Argumentieren für die Existenz eines (oder des) Gottes fällt früher oder später meistens die Aussage, Gott entziehe sich der Wissenschaft, er existiere, auch wenn er nicht durch wissenschaftliche Methoden gemessen oder nachgewiesen werden könne, quasi in einem eigenen Bereich der Welt oder sogar ausserhalb von Welt und Universum, unerreichbar für Messgeräte und menschliches Verständnis. Gleiche Eigenschaften scheinen übrigens am Rande erwähnt auch viele parawissenschaftliche und esoterische Phänomene zu haben, dass etwas nicht gemessen werden kann bedeutet schliesslich noch lange nicht, dass es nicht existiert.

Das mag in gewisser Art und Weise sogar ein brauchbares Argument sein – allerdings mit einem gewissen Aspekt, der erwähnt werden sollte und vor allen Dingen mit einer gewissen Konsequenz für diese Dinge mit der Eigenschaft der Nichtnachweisbarkeit. Sowohl Aspekt als auch Konsequenz möchte ich mich heute im letzten Teil der Reihe “Last des Beweises” widmen.

Erst einmal, mit meiner Aussage, es handle sich um ein brauchbares Argument, dass sich manche Dinge eventuell (noch) der Nachweisbarkeit durch wissenschaftliche Messmethoden entziehen beziehe ich mich ausschliesslich auf die Möglichkeit dieses Faktums. Es ist unmöglich zu sagen, dass bereits alle möglichen Messmethoden erfunden wurden – auf der gleichen Basis wie es heute lächerlich erscheint, dass (einer urbanen Legende nach) der amerikanische Jurist und Patent-Kommissar Charles Holland Duell 1899 den sofortigen Annahmestopp neuer Patente forderte, mit der Begründung, alles das erfunden werden könne, sei nun erfunden.

Die Anerkennung des Wahrheitsgehaltes dieser Vermutung beeinflusst allerdings in keinster Weise die Wahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes. Dass es kein Gerät gibt, mit dem man die Existenz eines Gespenstes nachmessen kann, weil dieses Gerät noch nicht erfunden wurde erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit, dass es Gespenster gibt – das Gerät ist schliesslich ein reines Gedankenkonstrukt und könnte ebenso gut auch einfach niemals erfunden werden, da es nicht möglich ist.

Unter dieser Voraussetzung gibt es nun allerdings eine Konsequenz aus der Forderung, die Existenz Gottes (oder einer sonstigen weder nachweisbaren noch widerlegbaren Sache) anzuerkennen – selbst wenn etwas nicht unmittelbar durch Messung oder sonstige Betrachtung bewiesen werden kann, so kann doch zumindest entweder mittelbar seine Einwirkung auf unsere Realität nachgewiesen werden oder es hat keine Auswirkung auf die Realität und ist dementsprechend nicht von Belang und kann getrost ignoriert werden.

Auch hier zählt zwar selbstverständlich der Grundsatz, dass auch die mittelbaren Auswirkungen einfach nur bislang nicht messbar sind und selbst jetzt, ohne die Erkennbarkeit der Wirkung dieser Entität auf unsere Realität nicht ausgeschlossen werden kann – aber an dieser Stelle beisst sich der Hund in den Schwanz und wir kommen an der Stelle an, bei der wir mit dem letzten Artikel am Mittwoch aufgehört haben:

  • Gott ist niemals widerlegbar
  • die Nichtwiderlegbarkeit Gottes ist kein Argument für seine Existenz
  • solange weder Gott noch Auswirkungen seiner Taten nachweisbar sind, ist er selbst im Falle seiner Existenz absolut irrelevant

In seinem Buch “The God Delusion” verwendet Richard Dawkins diesen Schluss ebenfalls, um trotz der Unwiderlegbarkeit Gottes den Atheisten gegenüber dem logisch “richtigeren” Agnostiker zu argumentieren. Dawkins nimmt dort eine Skala von 1 bis 7 an, um das Spektrum an Glaube an Gott abzubilden:

  1. Starker Theist. 100% Wahrscheinlichkeit von Gott. In C.G. Jungs Worten: “Ich glaube nicht, ich weiss.
  2. Sehr hohe Wahrscheinlichkeit, aber nicht 100%. De facto Theist. “Ich kann mir nicht absolut sicher sein, aber ich glaube stark an Gott und lebe mein Leben mit der Annahme, dass er existiert.”
  3. Grösser als 50%, aber nicht sehr viel mehr. Technisch gesehen Agnostiker mit einer Tendenz zum Theismus. “Ich bin sehr unschlüssig, aber ich tendiere dazu, an Gott zu glauben.”
  4. Exakt 50%. Vollständig unbefangener Agnostiker. “Gottes Existenz und Nichtexistenz sind gleich wahrscheinlich.”
  5. Weniger als 50%, aber nicht sehr viel weniger. Technisch gesehen Agnostiker mit einer Tendenz zum Atheismus. “Ich weiss nicht, ob Gott existiert, aber ich tendiere dazu, skeptisch zu sein.”
  6. Sehr geringe Wahrscheinlichkeit, aber nicht null. De facto Atheist. “Ich kann mir nicht absolut sicher sein, aber ich glaube, dass Gott sehr unwahrscheinlich ist und lebe mein Leben mit der Annahme, dass er nicht existiert.”
  7. Starker Atheist. “Ich weiss, dass es keinen Gott gibt, mit der selben Überzeugung, mit der Jung ‘weiss’, dass es einen gibt.”

Dawkins fügt an, dass er die Kategorie 7 aus Gründen der Symmetrie aufnimmt, aber überrascht wäre, viele Personen in dieser Kategorie zu sehen, während es von der Kategorie 1 eine riesige Menge gibt. Er selbst sieht sich in Kategorie 6 mit einem Hang zu Kategorie 7 – aus genau den oben aufgeführten Schlussfolgerungen heraus. Solange ein Gott, selbst wenn er existiert, absolut keine spürbare Auswirkung auf die gesamte Realität hat, kann man genausogut davon ausgehen, dass es mit Sicherheit keinen gibt.

Und an dieser Stelle kommt der grosse Vorteil der Wissenschaft gegenüber der Religion zutage: sie ist nicht dogmatisch. Eine Aussage, die sich als falsch herausstellt, die aber zum Zeitpunkt, zu dem sie getroffen wurde, die beste denkbare Lösung bot, die Realität zu erklären und zu verstehen, kann geändert werden, wenn es neuere und bessere Erkenntnisse gibt.

Wissenschaft passt ihre Aussagen an die Erkenntnisse über die Realität an. Religion passt ihre Erkenntnisse über die Realität an ihr Bild davon an.

Wochenthema: “Die Last des Beweises”

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