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Warum Kirchenaustritt?

Formuliert man es ein wenig unfreundlich (oder auch realistisch) werden die meisten Menschen zumindest hier in Deutschland unfreiwillig Mitglied einer der christlichen Kirchen. Aus der Tradition heraus werden viele Kinder bereits kurz nach der Geburt getauft, also in einem Alter in dem man mit Sicherheit nicht von einer freien Wahl sprechen kann – nach vielen Jahren der mehr oder minder intensiven Indoktrination von Glaubensinhalten hat man dann zwar einen gewissen Anteil, der früher oder später freiwillig Mitglied bleibt, aber Mitglied zu werden war durchaus noch etwas anderes. Für diejenigen, die zwar Mitglied sind, es aber niemals sein wollten und auch heute, wenn sie darüber nachdenken, eigentlich nicht wirklich etwas mit der Mitgliedschaft anfangen können, gibt es erfreulicherweise die Gelegenheit, diese Mitgliedschaft zu beenden. Aber warum und vor allem wie macht man das? Damit beschäftige ich mich die nächsten Tage über in meiner Woche des theoretischen und praktischen Kirchenaustritts. :)  Heute geht es in erster Linie um das “Warum”.

Früher war es eine ausserordentlich gute Idee, unter allen Umständen Mitglied der Kirche zu bleiben, das zeigt beispielsweise schon die Androhung der Exkommunikation (dem zeitweisen oder permanenten Ausschluss aus einer religiösen Gemeinschaft) an Bücherdiebe in der Bibliothek von Salamanca, Spanien. Ohne die negative Wirkung, aus der Kirche verbannt zu werden, sei es nun aus persönlichen Gründen der tatsächlichen Gläubigkeit oder aus sozialen Gründen, hätte die Warnung vermutlich kaum jemanden aufgehalten und wäre dementsprechend nicht angebracht worden.

Heute hingegen braucht die Kirche kaum mehr jemandem anzudrohen, ihn zu verstossen, die Zahlen der Austritte steigen insbesondere nach dem Bekanntwerden der hohen Zahlen von Missbrauch an Minderjährigen und dem unmoralischen Umgang der Kirche mit den Opfern ganz von alleine enorm an. Geht man davon aus, dass der deutliche Anstieg der Austritte seit dem Jahr 2010 mit diesen Veröffentlichungen einhergeht, dann wird die Spitze der Begründungen für einen Austritt von einer sehr moralischen übernommen – in einer von der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland) veröffentlichten Studie aus dem jahr 1992 sind die drei häufigsten Gründe im Westen Deutschlands noch Einsparung der Kirchensteuer, die Aussage, man könne  auch ohne die Kirche christlich sein und die Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche, während im Osten Deutschlands Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche, ein fehlender Bedarf an Religion im Leben und ein Verlust des Glaubens genannt wurden.

Die Anzahl der Austritte bei den katholischen und protestantischen Kirchen, die nach einem Höhepunkt nach der Wiedervereinigung nachliessen, steigen in den letzten Jahren wieder stark an

Aber neben den rein persönlichen eigenen Aspekten und denen des direkten Umfelds (in so mancher Familie bricht man noch immer den Angehörigen das Herz, wenn man nur mit dem Gedanken eines Kirchenaustritts spielt) spielen noch einige andere Überlegungen eine Rolle. Ich habe mich in meinem Umfeld zu Erfahrungen mit dem Thema Kirchenaustritt umgehört und stiess dabei auf einen Faktor, der mir zuvor so nicht bewusst war.

Leider kann ich aus beruflichen Gründen nicht aus der Kirche austreten.

Viele Einrichtungen, in denen man als Erzieher arbeiten kann, sind in kirchlicher Hand.
Es ist schon schlimm genug, dass ich als Protestant nicht in einem katholischen Kindergarten arbeiten darf, wenn ich ganz austrete fallen die protestantischen auch weg.

Ich würde gerne austreten, weil ich die Regelung der Kirchensteuer ungerecht empfinde. Entweder sollen die Kirchen auf staatliche Zuschüsse verzichten, oder ihre Einrichtungen allen Menschen öffnen. Es kann nicht angehen, dass ich Steuern zahle mit denen z.B. die Diakonie unterstützt wird und als Atheist nicht bei ihnen arbeiten darf.
Das ist untragbar.

Ansonsten bleibt zu sagen, dass Gott nicht die Kirche ist und ich sie daher nicht zum glauben brauche.

In der Tat ist es sogar so, dass im Falle eines Austritts aus der Kirche nicht nur kein Arbeitsverhältnis mit einer daran angebundenen Stelle mehr eingegangen werden kann, es kann sogar ein bereits bestehendes Arbeitsverhältnis aufgehoben werden. Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in Mainz erklärte es in einem Urteil von 2008 als rechtmäßig, als ein kirchliches Altenheim eine Pflegerin nach ihrem Austritt aus der Kirche entlassen wollte.

Man sollte sich also nicht nur über seine Gründe für einen Austritt sondern auch über mögliche Konsequenzen sehr bewusst sein – so sehr mir persönlich auch negative Konsequenzen aus der Ablehnung einer Vereinigung um ein irrationales Glaubenssystem in der heutigen Zeit widerstreben.

Am Mittwoch geht es weiter mit allem Wissenswerten zum eigentlichen Austritt, schaut wieder rein!

Wochenthema: “Austritt aus der Kirche”

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