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Tanzen verboten!

Tanzen verboten. “Es gibt so viele Tage, an denen man feiern kann, da sollte ein Tag doch zu verkraften sein” sagte Stephan Krebs, der Sprecher der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, in einem Artikel der Frankfurter Rundschau im April letzten Jahres. Aber auch, wenn das wie ein witziger Aprilscherz klingt ist es immer noch Realität, dass das Tanzen oder Feiern für alle verboten wird, weil lediglich manche von ihrem unsichtbaren Freund erzählt bekommen haben, dass gefälligst jeder um einen vor Ewigkeiten getöteten zu trauern hat, der drei Tage später ohnehin wieder lebte.

Aber schauen wir dazu erst mal ins Grundgesetz. Der entsprechende Artikel ist Artikel 140 des Grundgesetzes in Verbindung mit Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung. Dort heisst es:

Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.

Witzigerweise finden sich unmittelbar davor auch in Abschnitt 4 des Artikels 136:

(4) Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.

Allerdings scheint der Zwang, etwas wegen der Weltanschauung anderer nicht tun zu dürfen nicht unbedingt gleichgesetzt zu sein mit dem Zwang, etwas tun zu müssen.

In der Top 16 der tanzfeindlichsten Bundesländer kamen wir ja bereits zu dem Schluss, dass man als Freund der langanhaltenden Party nicht unbedingt in Baden-Württemberg leben sollte, daher schaue ich mir einmal die landesspezifischen Gesetze von dort an. Die klingen gleich noch mal ein paar Etagen konkreter und durchaus drakonisch:

Feiertagsgesetz Baden-Württemberg
§ 8 (Musikverbot)
(1) Am Karfreitag und am Totengedenktag (Sonntag vor dem ersten Advent) sind verboten

1.öffentliche Veranstaltungen in Räumen mit Schankbetrieb, die über den Schank- und Speisebetrieb hinausgehen;
2.sonstige öffentliche Veranstaltungen, soweit sie nicht der Würdigung des Feiertages oder einem höheren Interesse der Kunst, Wissenschaft oder Volksbildung dienen;
3.öffentliche Sportveranstaltungen am Karfreitag während des ganzen Tages, am Totengedenktag bis 13 Uhr.

Die Veranstaltungsverbote nach Satz 1 beginnen am Karfreitag um 0 Uhr und an den übrigen Tagen um 3 Uhr.

(2) Am Ostersonntag, Pfingstsonntag, an Fronleichnam und am Ersten Weihnachtstag sind öffentliche Sportveranstaltungen bis 11 Uhr verboten.

(3) An den übrigen Tagen der Karwoche (Palmsonntag bis Karsamstag), am Ostersonntag, Pfingstsonntag, an Fronleichnam, am Volkstrauertag (vorletzter Sonntag vor dem 1. Advent) und am Ersten Weihnachtstag können öffentliche Veranstaltungen und Vergnügungen, auch soweit sie nach § 7 Abs. 2 nicht verboten sind, von der Kreispolizeibehörde auf Antrag der Ortspolizeibehörde verboten werden, wenn sie nach den besonderen örtlichen Verhältnissen Anstoß zu erregen geeignet sind.

§ 10 (Tanzverbot)
(1) Öffentliche Tanzunterhaltungen sind an Allerheiligen, am Allgemeinen Buß- und Bettag, Volkstrauertag, Totengedenktag und am 24. Dezember von 3 Uhr bis 24 Uhr, am Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und am ersten Weihnachtstag während des ganzen Tages verboten.

(2) An den übrigen Sonntagen und gesetzlichen Feiertagen, mit Ausnahme des 1. Mai und des 3. Oktober, sind öffentliche Tanzunterhaltungen von 3 Uhr bis 11 Uhr verboten.

Zurück zum lustigen Herrn Krebs. Im bereits erwähnten Artikel der Frankfurter Rundschau meint er weiter:

Krebs mahnte zudem, die Debatte nicht kurzsichtig zu führen. Die Alternative zum „stillen Karfreitag“ müsse ja nicht der Disko-Freitag werden. „Es kann dann auch ein normaler Arbeitstag werden.“ Wenn man die Feiertage von ihrem Sinn entkerne, dann könne es passieren, dass sie ganz verloren gingen. Es handele sich um eine wichtige und grundlegende gesellschaftliche Frage, „wie wir mit unserer gemeinsamen Zeit umgehen wollen“.

Klingt mir irgendwie nach einer latenten Erpressung im Sinne von “Ihr wollt Arbeitsfreie Tage (die ohnehin vermutlich nur noch ein eher geringer Teil der Bevölkerung mit Jesus als Person oder irgendwelchen Römern verbindet), dann aber ausschliesslich nach unseren Bedingungen”. Aber auch die katholische Kirche in Form des Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen gibt Dinge von sich, wegen denen ich mir erst mal den Abdruck meiner Tischkante von der Stirn wischen muss:

“Das ist ganz schlimm, wenn Selbstverständlichkeiten unter Rechtfertigungsdruck geraten. [...] Die Ruhe am Karfreitag überhaupt rechtfertigen zu müssen, ist für mich eine Zumutung.“

Der Bischof sprach von „Verfallserscheinungen einer Gesellschaft, die gar nicht mehr verzichten kann und keine Ehrfurcht vor dem hat, was anderen wichtig ist“.

Der Umkehrschluss, dass er als Vertreter einer anachronistischen Sekte keine Ehrfurcht vor dem hat, was den Nichtanhängern wichtig ist, wird wie üblich nicht gegangen.

Konfilkte und Aufbegehren gegen die Regelung des kirchlich begründeten und staatlich durchgesetzten werden in schöner Regelmäßigkeit abgewiesen. Der Artikel zum Tanzverbot in der Wikipedia zählt einige Fälle auf. So lehnte beispielsweise der Landtag von Baden-Württemberg 2004 eine eingereichte Petition gegen das Tanzverbot ab, eine in München geplante “Heidenspass-Party” am Karfreitag 2007 wurde durch die Stadt verboten. Die Veranstalter der Party unterlagen dann auch gleich noch 2009 vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, da Bayern das Feiertagsgesetzt im Jahre 2008 wegen einer “Verrohung der Sitten” verschärft hatte.

In einem letzten Teil der kleinen Reihe zum Tanzverbot gibt es hier morgen eine Tabelle der Tanzverbote nach Feiertagen und Bundesländern. Schaut wieder rein! :)

Wochenthema 001: Tanzverbot in Deutschland

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4 Antworten zu "Tanzen verboten!"

  1. JL sagt:

    Unabhängig davon, ob man kirchliche Feiertage persönlich mit Jesus verbindet oder nicht, sind sie dennoch ein “Positivbeispiel” dafür, wie man von der “unsauberen” Trennung zwischen Kirche und Staat in Deutschland auch profitieren kann (und in Bayern und BW halt auch am meisten ;) )

    Ich habe von daher ein gewisses Verständnis dafür, wenn gläubige Christen auf die Forderung nach einem Ende der ungefragten Vereinnahmung Ungläubiger in das religiöse Brauchtum erwidern, dass man dann auch die gesetzliche Weisung an die Arbeitgeber überdenken sollte, Gläubigen wie Ungläubigen pauschal und ungefragt freizugeben.

    Die Konsequenz aus einer “sauberen” Trennung wäre eine Situation wie an den Schulen, an denen Schülern verschiedener Religionen an verschiedenen Tagen freigegeben wird (momentan profitieren davon natürlich die nichtchristlichen Schüler, die sowohl an ihren eigenen Feiertagen als auch den christlichen nicht in die Schule zu gehen brauchen).

    Als Nichtgläubiger und Nichttanzender fühle ich mich von der Debatte nicht betroffen. Ich sehe die heutige Situation vor allem als geschichtlich gewachsen und als Versuch, sich am (ehemaligen?) Großteil der Bevölkerung zu orientieren; wahrscheinlich hat es auch seine praktischen Seiten, wenn nicht jeder Arbeitnehmer an einem anderen Tag freihat.

    Ich finde es an sich ganz komfortabel, dass mir der Blick in einen beliebigen Kalender sagt, an welchem Tag ein Feiertag sein wird, an dem ich ungefragt daheim bleiben kann. Es würde mich weit mehr stören, gäbe es eine gesetzlich vorgeschriebene Form säkularer Feiertage und zusätzlich dazu dann noch religiöse, aber nur für die “Betroffenen”. Das wäre eine krasse Ungleichbehandlung. Eine komplette Abschaffung religiöser Feiertage halte ich für unrealistisch.

    1. Gekko sagt:

      Im Prinzip passiert der Kirche mit dem Nutzen der Vorteile dieser Feiertage für eigene Zwecke (arbeitsfreier Tag) bei gleichzeitiger Ablehnung der Nachteile (Tanz- und Sportveranstaltungsverbot) lediglich das gleiche, das diese Feiertage zu einem gewissen Anteil überhaupt erst zu christlichen Feiertagen machte, als Vertreter des christlichen Glaubens heidnische Feiertage quasi assimilierten, um die “besondere Tage” die bereits als solche etabliert waren für ihren eigenen Vorteil zu nutzen und dabei die nachteiligen Aspekte (heidnische Rituale) von diesen Anlässen abzustossen. Womit ich nicht sagen möchte, dass es das legitimiert.

      Für eine “saubere” Trennung von Kirche und Staat wäre der komplette Verzicht auf die religiösen Feiertage inklusive ihrer Vorteile wie Wegfall der Arbeit an diesen Tagen sicherlich nur konsequent, da stimme ich ohne Vorbehalt zu. Alternativen dazu wären (einfach mal ungewertet aufgelistet)

      1. keine arbeitsfreien Feiertage
      2. nicht-religiöse Feiertage
      3. unspezifisch mehr Urlaubstage

      Ich gehe davon aus, dass die zweite Option realistisch wäre, auch ausserhalb der Kirche gibt es Dinge, die gefeiert werden und bereits jetzt gibt es dafür arbeitsfreie Tage wie Neujahr, den Tag der Deutschen Einheit oder den Tag der Arbeit (auch wenn diese natürlich deutlich weniger romantische Namen haben ;) )

      Abgesehen davon muss ich allerdings noch sagen, dass ich die Lage im jetzigen Kalender gar nicht so kohährent finde – unterschiedliche Feiertage sind in unterschiedlichen Bundesländern arbeitsfrei, ich bin in drei verschiedenen davon wohnhaft, angestellt und dann tatsächlich im Projekt tätig und habe beinahe jedes mal die Verwirrung, ob denn ein Feiertag nun wirklich frei ist oder nicht.

  2. JL sagt:

    Das ist richtig. Ich dachte jetzt auch mehr an Weihnachten oder Ostern ;) Ich muss sagen, dass ich deren Abschaffung auch nicht als Gewinn betrachten würde. Ich bin halt so aufgewachsen. So entsteht Tradition, und das ist nicht per se schlecht.

    Nicht-religiöse Feiertage zu etablieren wäre schwierig, aus genau demselben Grund. “Erfundene” Feiertage mit komischen Namen, das hat irgendwie einen Beigeschmack (eine in der Rückschau eher skurrile Liste gibt’s z.B. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Feiertage_in_der_DDR)

    Mehr Urlaubstage fände ich da die bessere Alternative. Aber wie gesagt … ich muss gestehen, ich wäre nicht einmal dafür. Ich kann mit der Existenz dieser Handvoll Tage ganz gut leben, genau wie ich damit leben kann, dass Sonntags keine Läden offen haben. Das empfinde dabei als gravierenderen Eingriff in mein Leben.

  3. Heinrich Platz sagt:

    Wenn man als Nichtchrist von all den Feiertagen profitieren darf, sollte man auch mal ohne meckern einen tanzfreien Tag in Kauf nehmen können. Und es ist ja nicht so, als würde Tanzen an diesen Tagen unter Todesstrafe gestellt sein.

    Und das sage ich als “überzeugter” Agnostiker. :)

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