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Glaube und Religion in Europa

Über den Humanistischen Pressedienst stiess ich heute auf eine Studie der Bundeszentrale für Politische Bildung, in der sich die Ergebnisse der Eurobarometer-Umfragen von 2005 und 2010 verarbeitet finden, in denen Menschen aller EU-Staaten unter anderem zu ihrem religiösen Glauben und ihren persönlichen Werten befragt wurden.

Gerade zur Zeit, da immer noch eine unbedingt notwendige Verbindung von Staat und Religion gefordert wird und beispielsweise SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles in der FAZ und dem Domradio gegen den Laizismus plädierend erwähnt, dieser würde die Chance versäumen, in Bezug auf die Religion “an ihr friedensstiftendes und integrationsförderndes Potenzial zu erinnern”, möchte ich gerne die Gelegenheit nutzen, mir die Zahlen dieser Umfrage anzusehen und sie weiter zugänglich zu machen.

Die vollständige Studie findet sich hier.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes, das sich auf die Encyclopædia Britannica stützt, gehörten im Jahr 2001 mindestens 85 Prozent der EU-Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft an. Eine Umfrage im Rahmen des Eurobarometers verdeutlicht jedoch, dass diese Mitgliedschaft für die einzelnen Menschen eine sehr unterschiedliche Bedeutung haben kann: Lediglich 52 Prozent der Befragten in den EU-25-Staaten glaubten Anfang 2005 an einen Gott.

1990 lag der Anteil der Bevölkerung, die Mitglied der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche waren, noch bei insgesamt 72,3%, 2001 bei 64% und 2010 bereits nur noch bei 58,8%. Dem gegenüber stehen die Ergebnise der Studie, nach der bereits 2006 im Schnitt der EU-25-Staaten 47% angaben, Religion sei nicht wichtig für ihr eigenes Leben – eine Abweichung der Zahlen, die beispielsweise dann entsteht, wenn Teile der Bvölkerung nur noch aus Tradition Mitglied einer der grossen Kirchen sind, selbst wenn sie nichts mehr damit verbindet, oder wenn ein Austritt aus der Gemeinschaft aus sozialem Druck oder blossem “ich hab dafür einfach nie Zeit” nicht stattfindet.

Der Anteil der Bevölkerung, der nicht glaubt, dass es einen Gott oder eine andere spirituelle Kraft gibt, war im Jahr 2005 in Frankreich, der Tschechischen Republik, Belgien, den Niederlanden, Estland und Deutschland am höchsten – er lag zwischen 25 Prozent in Deutschland und 33 Prozent in Frankreich.

Abgesehen davon gibt es laut der Studie weiterhin eine Korrelation von Alter, geringerer Bildung, rechter politischer Ausrichtung sowie reglementierter, strenger Erziehung mit der Wahrscheinlichkeit von Gottesgläubigkeit.

  • Der Anteil der religiösen bis 24-Jährigen lag 2005 bei 44%, der der bis 39-Jährigen bei 46%, bis 54 Jahre bei 49% und bei den über 55-Jährigen erreichte der Anteil der gottgläubigen Bevölkerung ganze 63%.
  • Während 65% der befragten Personen, die bereits mit 15 Jahren die Schule verlassen haben, 2005 angaben, an einen Gott zu glauben, lag der entsprechende Anteil bei den Personen, die die Schule zwischen dem 16 und 19 Lebensjahr verlassen haben, bei lediglich 49%
  • Unter den Befragten, die sich politisch rechts einordnen, lag der Anteil der gottgläubigen Personen mit 57% deutlich über dem entsprechenden Anteil bei den Personen, die sich politisch links einordnen (41%)
  • Bei den Befragten, die an anderer Stelle der Eurobarometer-Umfrage angaben, dass sie reglementiert und streng erzogen wurden, lag der Anteil der Gottgläubigen bei 54%. Von den Befragten, die angaben, dass sie nicht reglementiert und streng erzogen wurden, glaubten hingegen lediglich 39% an einen Gott


Die oft beschworenen ethischen und moralischen Werte, die von den Kirchen gerne als untrennbar mit ihrer jeweiligen Glaubensgeschmacksrichtung verbunden sind, scheinen laut der Befragung auch nicht unbedingt derart fest daran zu hängen sondern von vielen Menschen eigenständig ohne damit verbundenen Glauben zu bestehen.

Auf die Frage, welche drei Werte ihnen am wichtigsten wären, wählte im Herbst 2010 der Durchschnitt der EU-Staaten mit einer grossen Mehrheit “Menschenrechte” (47%), “Frieden” (44%) und “Respekt gegenüber menschlichem Leben” (41%). In untrennbarem Zusammenhang mit dem Wert der “Religion”, den nur 6% der Befragten angaben, scheinen diese Begriffe nach dem Werteverständnis der meisten also nicht zu liegen – gegenüber der Studie von 2008 ist der Wert sogar um einen Prozentpunkt gefallen.

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