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Gespenster in der Langzeitbetrachtung

“Ich glaube daran, weil ich selbst ein Erlebnis hatte.”

Diesen Satz habe ich in vielen, wenn nicht gar den meisten Fällen gehört, wenn es um die Begründung eines Glaubens oder einer Weltsicht ging, die mit rationalen Mitteln nicht nachvollziehbar war. Ich kann in einem gewissen Maße nachvollziehen, wie der Versuch, eine Erklärung für etwas, das im ersten oder auch in einigen darauf folgenden Versuchen nicht (rational) erklärbar scheint, zu finden dazu verleitet, eine nicht mehr rationale Erklärung zu suchen und zu akzeptieren – besser irgendeine Erklärung als keine, um persönliche Erfahrungen in ein konsistentes Weltbild zu integrieren und keine Lücken zu hinterlassen – aber eben nur in einem gewissen Maße.

Um ein wenig weiter auszuholen – es gibt in meinem eigenen Leben ein Erlebnis, über das ich mir lange Zeit beim Versuch, irgendeine Erklärung zu finden, den Kopf zerbrochen habe – hauptsächlich aus der Kombination heraus, als Kind Dingen wie Filmen und Geschichten weit mehr unkritischen Glauben zu schenken und dem Widerspruch gegenüber der kompletten Restrealität, die ich bis dahin kannte und bis heute kenne. Ich hinterfrage gerne Dinge und ich finde gerne Lösungen für Probleme, daher betrachte ich die beiden Erlebnisse heute in Retrospektive mehr mit Faszination als mit Erklärungsnot.

Als Kind lag ich nach einer Feierlichkeit (ich glaube, es war Weihnachten) noch wach im Bett, in das ich eben gerade erst geschickt worden war, der Rest der Familie feierte unten im Erdgeschoss noch gesellig. Unerwartet öffnete sich die Zimmertür einen Spalt weit und ein Kopf und Oberkörper schob sich ein Stück weit herein, um zu mir herüberzusehen. Ich kann nicht sagen, wer es genau war, ich vermutete meine Grossmutter, aber es machte den überwältigend starken Eindruck, als sei die Person in der Tür vollkommen ohne erkennbare Gesichtsmerkmale und leicht leuchtend oder sogar transparent. Ich sprach sie mit “Oma?” an und sie schloss die Tür wieder wortlos, woraufhin ich mehrfach laut rief, um irgendjemanden der unten Feiernden herzuholen, allerdings ohne Erfolg.

Zu der Zeit damals war ich mir relativ sicher, in dieser Nacht einen Geist gesehen zu haben. Die rationale Erklärung, es könne meine Grossmutter sein, kam mir zwar augenblicklich in den Sinn, aber das untypische Verhalten, nicht darauf zu reagieren, angesprochen zu werden, sorgte bereits für eine gewisse Grundverunsicherung, die eine der Voraussetzungen für die Akzeptanz irrationaler Erklärungen zu sein scheint. Dabei gibt es diverse Möglichkeiten, eine rationale Erklärung für das Erlebnis zu finden:

  • Es war meine Grossmutter oder ein anderes Familienmitglied, das nach mir sehen wollte, damit rechnete, dass ich bereits schlafe und nicht wollte, dass ich wieder mit nach unten komme oder mich nicht hoerte
  • Die weissen Haare meiner Grossmutter, in Verbindung mit dem Rückenlicht aus dem Flur, liessen es aussehen, als leuchte die Silhouette im Türrahmen
  • Ich war bereits eingeschlafen und hatte lediglich einen sehr real wirkenden Traum

 Dazu kommt allerdings noch ein gewichtiger Faktor – die Zeit. Ich war sehr jung und es dauerte einige Zeit, bis ich damit anfing, Argumente und Erklärungen rationell gegeneinander aufzuwiegen. In dieser Zeit “verwässerte” die Erinnerung an das Erlebte so sehr, dass es mir heute beinahe unmöglich scheint, ein klares Bild von den genauen Vorgängen aus meiner Erinnerung abzurufen. Diverse Details könnten so gewesen sein, wie ich sie schildere, könnten aber ebensogut im Laufe der Zeit dazugekommen oder unklar geworden sein. Das einzige, das bleibt, ist, dass es mich so sehr beschäftigte dass ich heute, viele Jahre später und in dem Wissen, dass es bisher keinen empirischen Beweis für die Existenz von Geistern gibt, noch einmal etwas darüber schreibe.

Auf scheinbar unerklärbare Phänomene im Allgemeinen übertragen lassen sich folgende Dinge sagen:

  • Erinnerungen an Erlebnisse, die einem vollkommen real erscheinen, sind nicht unbedingt akkurat, insbesondere bei einem grossen zeitlichen Abstand zum Erlebten
  • Eine durch Zeit veränderte Erinnerung kann durch eben diese Veränderung Aspekte enthalten, die tatsächlich nicht mehr oder nur noch schwer erklärbar sind
  • Ein Traum oder Wachtraum kann so real wirken, dass man ihn für ein tatsächliches Erlebnis hält
  • Auch im wachen Zustand sind die Sinne anfällig für Täuschungen, das Gehirn ist dafür entwickelt, Muster und Vertrautes zu erkennen und gruppiert daher grosse Fliesenflächen zu Untergruppen zusammen, wenn man sie lange genug ansieht, oder hört eben auch Stimmen im Rauschen und sieht Gesichter in Flecken

Besonders zum letzten Punkt rentiert es sich, ein wenig über die Schablonentheorien und die Merkmalstheorien der Wahrnehmungspsychologie zu lesen. Ein interessantes Phänomen in Zusammenhang mit dem scheinbaren Leuchten des “Gespenstes” ist das sogenannte “Brockengespenst“. Zu weiteren, wenn auch etwas intensiveren Möglichkeiten der Sinnestäuschung schreibt Wikipedia:

Zahlreiche angebliche Gespenstererscheinungen beruhen auf einer Sinnestäuschung. Kaum wahrnehmbare physikalische Effekte haben auf viele Menschen reproduzierbare Wirkungen: Ein plötzlicher Temperaturabfall innerhalb von Gebäuden wird von vielen Menschen wie ein Berührungsreiz wahrgenommen. [...] Durch geschickte Anordnung eines Magnetfeldes kann man das Gehirn eines Menschen derart täuschen, dass sich Schimären bilden. So bildet sich die Person dann ein, sie sehe einen Geist oder höre ein Atmen. Neuere Forschungen ergaben auch ein Zusammenspiel verschiedener physikalischer Phänomene, etwa der Luftschwingungen tiefer Frequenzen (Wind gegen stärkere Burgmauern) und den Eigenresonanzen des Augapfels (Sehen von weißen Flecken).

Auch die Wirkung sehr tieffrequenter Töne durfte ich bereits selbst erleben als in einem besonders heissen Sommer vor einigen Jahren die mobile Klimaanlage im Schlafzimmer der Nachbarn eine Etage über mir mit ihrem tiefen, kaum hörbaren Brummen und Vibrieren wirklich erstaunliche und erschreckende Gefühle von körperloser Bedrohung oder der Anwesenheit von Personen in meinem Schlafzimmer auslösten.

Als Fazit kann ich nur nahelegen, auch bei noch so seltsamen und vermeintlich unerklärbaren Erlebnissen einen rationellen Erklärungsansatz zu suchen. In manchen Fällen ist es so einfach, dass man mit wenigen Gedanken auf die logische Erklärung stösst – in anderen Fällen scheint es absolut keine plausible Begründung zu geben. Ein zweiter und auch ein dritter Blick rentiert sich aber mit Sicherheit und die Existenz der gängigen Ideen von Geistern, Magie und Übernatürlichen ist bis heute in keinem einzigen Fall bewiesen worden.

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