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Der Kirche den Rücken kehren

Am Montag haben wir uns das Für und Wider eines Austritts aus der Kirche angesehen, heute gehts ans Eingemachte. Ihr habt euch entschieden, der Kirche den Rücken zu kehren? Dafür braucht ihr zum Glück keinen Besen, aber ein paar andere Dinge. Um den Vorgang möglichst kurz und schmerzfrei zu gestalten gibt es hier alles Wissenswerte dazu gesammelt.

Zuallererst einmal hängt es vom Bundesland ab, in dem man als wohnhaft gemeldet ist, ob man für den Austritt zum Standesamt oder zum Amtsgericht geht. Man kann auch direkt bei der zuständigen Stelle der Religionsgemeinschaft austreten, dies auf dem Amt zu tun ist allerdings deutlich praktischer, da hier gleich alle betroffenen Stellen und Behörden informiert werden. In den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen ist das Amtsgericht für den Austritt verantwortlich, in allen anderen das Standesamt. Bei meinem eigenen Austritt, der allerdings schon viele Jahre her ist, habe ich mich einfach auf dem Bürgerbüro erkundigt und wurde dort direkt an die richtige Adresse geschickt.

An dieser Stelle haben alle Austrittswilligen unter 14 Jahren noch eine weitere Hürde zu nehmen. Laut Gesetz über die religiöse Kindererziehung ist seit 1921 festgelegt, dass ein Kind in Deutschland erst ab Vollendung des 14. Lebensjahres die Religionsmündigkeit erreicht und damit alleine entscheiden darf, ob es am Religionsunterricht in der Schule teilnehmen, die Glaubensgemeinschaft wechseln oder aus ihr austreten möchte. Davor wird ein Kirchenaustritt durch einen Erziehungsberechtigten veranlasst, wobei ein Kind zwischen 12 und 14 Jahren seine Einwilligung dazu geben muss, unter 12 Jahren ist alleine der Erziehungsberechtigte verantwortlich.

Stehen an dieser Stelle keine Hindernisse im Weg kann man sich mit einem gültigen Personalausweis oder Reisepass sowie der Austrittsgebühr auf dem für sein Anliegen zuständigen Amt einfinnden. Die Austrittsgebühr schwankt je nach Bundesland teilweise massiv, es handelt sich hier um eine Verwaltungsgebühr, die vom jeweiligen Land und nicht der Kirche festgelegt wird, wobei sie regelmäßig in der Kritik steht, vom tatsächlichen Verwaltungsaufwand nicht gerechtfertigt zu sein und eine Erschwernis für den Austritt zu bilden. Inwieweit das allerdings tatsächlich zutrifft wird sich, wie bei behördlichen Vorgängen üblich, wahrscheinlich leider nicht so einfach feststellen lassen. In der folgenden Grafik findet sich die Austrittsgebühr der einzelnen Bundesländer aufgelistet. Einen Sonderfall bilden hier Baden-Württemberg und Sachsen, die keine einheitliche Gebühr haben sondern von der jeweiligen Gemeinde abhängige und teilweise extrem voneinander abweichende Beträge fordern. Trauriger Rekord ist hier die Stadt Neudenau aus dem Landkreis Heilbronn mit einer Austrittsgebühr von 60,00 €. Eine detailliertere Auflistung der Gebühren für Gemeinden in Baden-Württemberg findet sich auf den Seiten von kirchenaustritt.de.

An dieser Stelle gibt es auf dem Amt dann ein Formular auszufüllen, das ich leider hier nicht zum Download anbieten kann, da man nicht per Brief aus der Kirche austreten kann, man muss persönlich auf dem Amt oder bei der Kirche erscheinen. Hat man dies allerdings nun getan ist auch schon alles überstanden – Herzlich Willkommen bei den Konfessionslosen! ;)

Nach dem Austritt wird ohne weiteres Zutun die nun um ein Mitglied ärmere Religionsgemeinschaft, das Einwohnermeldeamt und das Finanzamt informiert – dennoch ist es eine gute Idee sich bei den folgenden Einkommenssteuerabrechnungen zu vergewissern, dass keine Kirchensteuer mehr vom Lohn abgezogen wird.

Noch ein wichtiger Hinweis zu der Austrittsbestätigung: Diese sollte man unter allen Umständen aufbewahren. Zum einen, um bei einem Umzug in eine andere Gemeinde oder ein anderes Bundesland den Austritt wegen der erneuten Austragung der Kirchensteuer nachweisen zu können, zum anderen, um bei einem kursierenden Gerücht auf der sicheren Seite zu stehen. Diesem zufolge (auch wenn ich dafür keine Belege finden konnte) soll es vorkommen, dass man nach mehreren Jahren von der Kirche plötzlich wieder als Mitglied geführt wird und dementsprechend Kirchensteuer eingezogen wird. Das entsprechende Amt, bei dem man den Austritt getätigt hat, muss den Nachweis darüber nur sechs oder zehn Jahre aufbewahren, danach steht man selbst in der Nachweispflicht und sieht sich eventuell mit mehreren Jahren Kirchensteuernachzahlung konfrontiert. Dabei handelt es sich wie gesagt um ein Gerücht, für das ich keinen konkreten Fall finden konnte, es taucht allerdings regelmäßig genug auf, um dem weiter nachzugehen. Sollte einer von euch ein Problem in der Hinsicht gehabt haben, würde ich mich über Hinweise in den Kommentaren sehr freuen! :)

Quellen und informative Links:

 

Wochenthema: “Austritt aus der Kirche”

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