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Wo bleibt mein fliegendes Auto?

“Das Jahr 2000″ war einmal ein Begriff mit vielen Erwartungen und Versprechungen. Zugegebenermassen, viele davon waren mehr implizit als explizit – aber wenn die coolsten Dinge in Science Fiction und der Technikabteilung des nächstbesten Laden schon “Trocknerator 2000″ heissen, wenn sie einfach nur ein gewöhnlicher Haarfön sind, dann gehe ich (ganz besonders als Kind) eigentlich schwer davon aus, dass Schlag Null Uhr am ersten Januar im Jahre 2000 die Autos zu fliegen anfangen werden, mein C=64 mit mir zu sprechen beginnt und generell einfach alles besser wird.

Ich hätte misstrauisch werden müssen, als bereits kurz vor diesem Datum die coolen und futuristischen Dinge auf einmal eine 3000 im Namen hatten, aber man ist ja Optimist. Ein paar Jahre warten auf das 21ste Jahrhundert? Klar, kein Ding! Aber dann noch mal eintausend Jahre dasitzen und warten? Moment mal, das ist mir dann doch ein klein wenig zu lang. Aber keine Sorge, Optimist bleiben, erst mal zumindest ein klein wenig länger warten. Ist ja nicht so, dass sich der Bus nicht mal zehn Minuten verspätet – fliegende Autos sind schnell, aber warum soll die nicht das gleiche Schicksal ereilen können?

Inzwischen sitze ich hier nun schon mehr als zehn Jahre rum und warte.

Über fünfmillionenzweihundertneunundfünfzigtausendvierhundertachtundachtzig Minuten.

Schlimmster Bus ever.

Zum Glück bin ich trotzdem noch immer ein unerschütterlicher Optimist. Selbst als mittelmässiger Optimist sollte ich mir von einem verspäteten Bus schliesslich nicht das Jahrtausend verregnen lassen, erst recht nicht, da ich Regen gut leiden kann. Also, Bestandsaufnahme:

Ich trage ein Telefon, eine Weltkarte, ein Radio, eine Stereoanlage, eine Bibliothek, ein grösseres Sortiment an Zeitungen, einen Einkaufsladen, eine Fernbedienung, ein Notizbuch, eine Wetterstation, einen Videorekorder samt Fernseher, ein umfangreiches Fotoalbum samt Fotoapparat, einen Briefkasten, einen Terminkalender mit Adressbuch, einen Taschenrechner, einen Haufen Würfel, eine Menge Wörterbücher, eine Uhr und noch ein paar Kleinigkeiten mehr in meiner Hosentasche herum. Obwohl ich Hosen mit vielen und grossen Taschen bevorzuge liegt das in erster Linie daran, dass all diese Dinge relativ klein geworden sind. Captain Kirk hätte ziemlich verloren mit seinem Tricorder, für den ich damals noch eine Menge gegeben hätte. James Bond sowieso – und wer braucht schon technische Spielereien bei denen der eingebaute Trick grundsätzlich der ist, dass man jemanden damit erschiessen kann?

Die Autos fliegen immer noch nicht, aber das ist ganz okay, die Gegenwart rockt trotzdem meine Unterwäsche – oder wie auch immer man jenen geflügelten englischen Ausdruck am besten übersetzt. Irritierenderweise ist allerdings zur gleichen Zeit auch noch immer meine Umgebung voll von Leuten, deren Ansichten und Vorstellungen von der Welt ich bereits im letzten Jahrtausend als aus dem Jahrtausend noch einmal davor betrachtet hätte. Selbst der Versuch, Dinge wie Esoterik und Religion zu ignorieren führen normalerweise innerhalb der selben Woche bereits dazu, dass ich mich voller Freude vor den metaphorischen Bus werfen möchte, auf den ich seit über zehn Jahren warte und, mangels dieser Möglichkeit dann kurz zum Schreien in den Kleiderschrank verschwinde.

Ich habe inzwischen mehrfach betont, dass ich ein hoffnungsloser Optimist bin – aber dieses Blog hat in erster Linie einen Grund. Aufklärung. Ich würde Irrationalität niemals verbieten wollen, abgesehen davon, dass das ebenso wenig Sinn wie jede andere Art von Zensur hätte, halte ich es einfach für vollkommen falsch wie auch unmöglich, das Denken und Empfinden kontrollieren zu wollen. Aber ich halte es für eine Notwendigkeit, den Unsinn der Irrationalität und (mangels eines vergleichbaren Wortes möchte ich schon beinahe “die Awesomeness der Realität” sagen) die überwältigende, sprachlos machende und alles vorstellbare in den tiefsten Schatten stellende Wirklichkeit darzustellen.

Henry Drummond, evangelikaler Autor und Dozent aus Schottland, prägte im 19. Jahrhundert den Ausdruck “God of the Gaps“, Gott der Lücken. Er formulierte damit die Ansicht, dass jede Lücke in den Erklärungen der Welt durch die Wissenschaft ein Beleg für Gottes Existenz ist.

Die Wissenschaft und das rationale Denken schliessen jeden Tag weitere Lücken.

Bald werden keine mehr übrig sein.

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