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Ohne Wasser kein Verdursten

Diese oder ähnliche Assoziationen weckt bei mir die Aussage “Ohne Gott kein Atheismus”, als ich gerade über den Artikel “Gegen den Restzweifel – Kinder lieben Warum-Fragen, Religionen beantworten sie” von Malte Lehming in “Der Tagesspiegel” stolperte.

Auch wenn ich persönlich eher “Ohne Theismus kein Atheismus” sagen würde bleibt die Frage: hat diese Aussage überhaupt irgendeinen Sinn? “Ohne Briefmarken keine Leute, die nicht Briefmarken sammeln”, um den gerne gebrachten Vergleich auf die Frage “ist Atheismus nicht einfach auch nur ein Glaube” zu zitieren – es ist eben gerade kein Glaube, sondern das Fehlen eines bestimmten Glaubens. Und natürlich sammelt niemand nicht Briefmarken, wenn eh keine existieren, aber die Gesamtheit der Menschen als Nichtausführende jeder möglichen und unmöglichen Tätigkeit zu benennen, die sie eventuell tun könnten, wenn das Objekt jeglicher Tätigkeit existieren würde – man verbrächte wohl mehr als nur ein Menschenleben damit, bei einer Vorstellung seine Gruppenzugehörigkeiten aufzuzählen.

Unabhängig davon – ein schaurig schönes Beispiel der latent in der Medienwelt herumgeisternden Artikel mit dem Grundgedanken, Moral könne einzig und alleine in einer Welt, in der es auch Religion gibt, existieren. Mehr noch, eigentlich überhaupt nur aus dieser hervorgehen, sch… pardon defäkiere auf die jeweilige Geschmacksrichtung der vermeintlich moralschaffenden Religioin (und ich entschuldige mich dafür, Fäkalien und Geschmack in ein und demselben Satz verwendet zu haben).

Ohne Gott kein Atheismus. Numerisch wachsen die vier größten Religionsgemeinschaften – Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus – stetig an. Die Entwicklung in Berlin, Deutschland und Europa bildet eine Ausnahme. Sie verleitet zur anmaßenden Annahme, dass Glauben etwas Exotisches, Unaufgeklärtes, Unfreies sei.

Absolute Zahlen in einem Ausschnitt eines Gesamtbildes sind leider, wenn auch gerne verwendet, eben nur genau das: ein Ausschnitt. Weder repräsentativ noch von Belang. Laut Wikipedia rechnet die UNO momentan mit einem Wachstum der Weltbevölkerung von rund 78 Millionen Menschen pro Jahr. Wenn in jedem Jahr 1 Millionen Menschen einer der vier grössten Religionsgemeinschaften beitreten, selbst wenn es 20 Millionen oder 50 Millionen sind, dann wachsen diese Gemeinschaften numerisch, das ist richtig. Prozentual gesehen schrumpfen sie dennoch, und auch wenn der Autor der obigen Zeilen nun aufspringen könnte, er habe doch bewusst “numerisch” geschrieben – die missleitend implizite Aussage, die Weltreligionen seien auf dem Vormarsch bleibt. Wie der globale Stand tatsächlich ist, ist wohl schwer zu sagen.

Tue so, als sei dein eigener Glaube richtig, aber wisse, dass andere Menschen dasselbe über ihren Glauben sagen. In diesem Sinne führt religiöse Erziehung zur Toleranz. Moral lässt sich auch im außerreligiösen Rahmen lernen. Doch dieses Erlernte hat aus sich heraus oft keine starke Bindungskraft.

Meine Anerkennung dafür, dass der Autor die Möglichkeit zugesteht, auch ausserhalb der Religion lasse sich Moral erlernen. Dennoch – für die Gesamtaussage muss ich erst einmal eine Zeile Buchstabenkauderwelch aus dem Editor löschen und den Tastaturabdruck von meiner Stirn reiben. Religiöse Erziehung führt zur Toleranz? Das kann man täglich in religiös motivierten Kriegen und Morden sehen. Diese kommen wenn überhaupt deutlich häufiger weit abseits Deutschlands und der westlichen Welt vor? Wie schön, dass gerade noch in dem anderen Zitat davor erwähnt wurde, Berlin, Deutschland und Europa bildeten mit ihrem Rückgang der Mitgliederzahlen der grossen Religionen eine Ausnahme zum Rest der Welt.

Weshalb um alles in der Welt sollte die unmittelbare, selbst erlebte Erfahrung, dass man behandelt wird, wie man seine Mitmenschen selbst behandelt, eine geringere Bindungskraft haben als der Gedanke beispielsweise der christlichen Religion: “Wenn du dich nicht moralisch verhältst wirst du in vielen Jahren, nach deinem Tod, an einen Platz gebracht werden, an dem du für alle Ewigkeit gefoltert und gequält wirst”? Ich bin sprachlos.

Darüber hinaus allerdings besteht der Wert des Glaubens, um es paradox zu sagen, in seiner Nutzlosigkeit. Sein Wesenskern entzieht sich dem Kosten-Nutzen-Kalkül, der Zweckrationalität. Das Streben nach Glück, Wohlbefinden und Trost ist zwar ein legitimer Weg zum Glauben, aber es geht in diesem nicht auf. Wie die Liebe ist der Glaube vielleicht sinnvoll, aber in erster Linie zweckfrei.

Der Glaube ist alles andere als zweckfrei. Schon wieder sehr impliziet formt sich die zitierte Aussage in meinem Kopf um zu einem “weltliches Denken ist egoistisch und (quasi) kommerzmoralisch, wohingegen der Glaube frei von Egoismus ist, er dient nur dem Selbstzweck, nichts anderem”. Das ist meiner Meinung nach Unsinn. Der Glaube ist sehr wohl egozentrisch. “Gott erhört mich. Es mag Milliarden Menschen auf der Welt geben, trotzdem werde ich als Individuum gehört. Ich glaube, um nicht in die Hölle zu kommen. Ich glaube, um ein grossartiges nachleben im Himmel zu führen. Ich bete, um gesund zu werden oder zu bleiben, um im Lotto zu gewinnen oder um den tollen neuen Job zu bekommen”. Nocheinmal pardon für die Formulierung – aber Selbstzweck my ass.

Kinder lieben Warum-Fragen, auf die alle Religionen Antworten haben.

Für den Fall, dass man es für eine gute Idee hält, die Frage auf die Funktionalität von Steckdosen mit grossen Hamsterrädern hinter der Wand und die nach den Kühltürmen eines Kernkraftwerkes mit Wolkenfabriken zu beantworten. Warum würde man Fragen eines Kindes, und gerade eines Kindes, das die Funktionen und Zusammenhänge der Welt noch mehr als ein Erwachsener verstehen und lernen möchte und sollte, mit frei erfundenem und nicht belegbarem Märchenmaterial lächerlich machen wollen?

Aber sehen wir, was passiert, wenn das spirituell erzogene Kind dann erst älter wird:

An dieser Stelle verwandelt sich der präreflexive Vollzug von Riten in spirituelle Ernsthaftigkeit. Überdies nimmt der Gläubige vieles auf sich. Manchmal wird er verlacht, manchmal verjagt, manchmal bedroht, manchmal verfolgt.

Stimmt. Meines Wissens nach in quasi allen Fällen von anderen Menschen mit “spiritueller Ernsthaftigkeit”.

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